Die (inoffizielle) MISSUS BEASTLY-Geschichte ...

   [-band introductions-]  [Teil 2 - Betrug]  [Teil 3 - Wiedergeburt]  [Teil 4 - Dr. Aftershave]  [Part 5 - Space Guerilla]  [Quellen]

Teil 1 - Am Anfang war der Krautrock ...
Reinhard 'Atzen' Wehmeyer (guitar, vocals), Lutz Oldemeier (drums), Wolfgang Nickel (keyboards) und Petja Hofman (bass, vocals) aus Herford begannen 1968 zusammen Musik zu machen. Sie starteten unter dem Namen 'Psychotic Reaction', später umbenannt in 'Reaction' aber letztendlich benutzten sie dann MISSUS BEASTLY - benannt nach einer Puppe aus einer Fernsehserie.

Trotz der Herkunft aus Ostwestfalen hatte die Band ihre meisten Auftritte im süddeutschen Raum. Die wurden vermittelt von Günter Scheding, einem guten Freund, der wegen seines Studiums von Herford nach Mainz gelangt war. Bei einem Festival auf Burg Waldeck in 1969 lernten sie TANGERINE DREAM, GURU GURU und XHOL kennen. Auch beim 2. Essener Pop & Blues-Festival im April 1970 waren sie dabei zusammen mit RENAISSANCE, BLACK SABBATH und KEEF HARTLEY BAND.

MISSUS BEASTLY verschaffte sich den Ruf einer Psychedelic-Jam-Gruppe, deren Live-Auftritte eher Happenings entsprachen, als dem, was normalerweise unter einem Konzert verstanden wurde. Petja Hofman: "Wir fingen einfach an zu spielen, was uns gerade einfiel, und hörten nach zwei bis drei Stunden wieder auf. Die Stimmung bei diesen Kunstereignissen war oft aufwühlend eindringlich, es wurde der Bruch mit allen Normen ins Werk gesetzt. Das ist es wohl, was den eigentlichen Erfolg und Ruf der Gruppe begründete".

In Ostwestfalen hatte die Band natürlich auch eine ansehnliche Fanbasis. Als Vorband für bekanntere Gruppen gebucht konnte es vorkommen, das diese von den Zuschauern regelrecht von der Bühne gepfiffen wurden weil sie weiter MISSUS BEASTLY Musik hören wollten. So geschehen bei einem Auftritt 1969 mit THE LORDS im Stadtgarten/Bünde oder später im Herforder Jaguar-Club wo es zu tumultartigen Szenen kam und die Hauptgruppe THE MOVE genervt die Bühne verlassen mußte. Die Band erregte auch sonst Aufsehen. Bei einer Fahrt nach Paris wurde der Bus an der Grenze aufgehalten und durchsucht. Die Musiker wurden zwangsweise kurzgeschoren und dann zurückgeschickt.

Anfang 1970 begann die Gruppe in Gunter Tannhäusers CPM-Studio in Erlangen mit den Aufnahmen für ihre erste namenlose LP. Das veröffentlichte Material war ebenso ein Zufallsprodukt wie die Live-Auftritte. Es entsprach überhaupt nicht dem, was die Band tatsächlich live spielte. Einige der Stücke wie z.B. 'Uncle Sam' und 'Decision' wurden niemals auf der Bühne präsentiert - komponiert von Petja Hofman während der Tontechniker die Mikrofone einstellte. Hansi Fischer, der Flötenspieler von XHOL CARAVAN, ist bei dem Song 'Shame on you' dabei und weiterhin anwesend bei den Sessions waren die AMON DÜÜL II-Mitglieder Dieter Serfas, Chris Karrer und John Weinzierl. Der auf XOX rückwärts laufende Text wird von Atzen Wehmeyer gesprochen mit dem Wortlaut: "Vor 2000 Jahren lebten Männer mit Ketten, Sandalen und langen Haaren. Man nannte sie Christen und warf sie den Löwen vor. Heute gibt es wieder Männer mit Ketten, Sandalen und langen Haaren. Man nennt sie Hippies und wirft sie den Christen vor."

Für die rote Klapphülle wurde eine psychedelische Zeichnung ausgewählt. Mit einer Auflage von 1000 Kopien ist das Original-Vinyl inzwischen ein gesuchtes Sammlerstück mit einem Wert von bis zu 1000 Euro. MISSUS BEASTLY bietet hier einen Schnittmenge aus verschiedenen Musikstilen basierend auf dem Blues - mal psychedelisch eingefärbt, mal jazzig angehaucht und garniert mit ein paar schrägen Einlagen. Dieses Album kann also durchaus als ein frühes Krautrock-Werk bezeichnet werden während die Band später den Musikstil deutlich in Richtung Jazz Rock/Fusion veränderte.

Kurz nach der Plattenveröffentlichung erweiterte sich die Band auf sechs Mitglieder mit Keyboarder Michael Scholz und Gitarrist Paul Vincent von Motherhood. Vincent über diese Zeit: "Missus Beastly war eine total schräge Truppe, die stundenlang psychedelischen Rock improvisierte, wenn nur immer genügend entsprechendes Zeug in der Hausapotheke war. Und wir waren nicht nur in Westfalen eine Sensation! Wir gaben es unseren Fans jeden Abend neugeschöpft - wir wussten selbst nicht, was passieren würde". Die Band spielte Ostersonntag 1970 nachts um 5 Uhr auf dem 1. Hamburger Pop & Blues Festival und bekam dafür sagenhafte 60 DM. Weiterhin wurde mit Keyboarder Jimmy Jackson (Passport, Embryo) experimentiert. Vincent war das auf die Dauer wohl zu anstrengend, verließ die Band im Sommer 1970 wieder und wurde durch Roman Bunka ersetzt, und als siebter Mann kam Jürgen Benz (sax, flute) hinzu.

Ende des Jahres verließen dann Atzen Wehmeyer und Wolfgang Nickel ebenfalls die Gruppe - wohl weil ihnen die eingeschlagene Richtung nicht mehr zusagte. Klaus Götzner (später TON, STEINE, SCHERBEN) kam dann zeitweise als zweiter Schlagzeuger dazu. Live-Auftritte dagegen wurden immer weniger bis schließlich MISSUS BEASTLY Ende 1971 auseinanderfiel und die Musiker zu anderen Bands wechselten.

Im Jahr 2000 wurde eine rechtmäßige Neuauflage des Vinyl-Debutalbums (Tripkick 005) mit der ursprünglichen roten Klapphülle produziert. Da die Original-Bänder nicht mehr existierten wurde mittel NoNoise-Verfahren eine gut erhalte LP als Master benutzt.

[Teil 2 - Betrug]